Uganda
"Im Wald kann es gefährliche Tiere geben", erfahren wir beim Briefing zum Gorilla-Trekking, "falls ein Elefant angreift, kann der bewaffnete Ranger einen Schuss in die Luft abgeben." Der Bwindi Impenetrable Forest liegt hoch in den Bergen an der Grenze zwischen Ruanda, Uganda und dem Kongo, und die Fahrt dorthin dauert eineinhalb Stunden auf rauen, steilen Schotterstrassen. Bei der Zuteilung der Gorilla-Familien werden jeder Gruppe nebst dem Guide bis zu zwei bewaffnete Ranger mit Sturmgewehren an die Seite gestellt . Die Tiere sind nicht die einzige Gefahr, die hier in der Nähe der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo lauert. Vor einigen Monaten wurden zwei britische Touristen und ihr Guide im Queen Elizabeth Park von einer mit dem IS verbundenen Rebellengruppe ermordet, und unsere Reise wurde geändert, um das Gebiet im Norden zu meiden. Wir haben auch einen bewaffneten Soldaten in unserem Minivan, der uns vom Campingplatz zum Briefing-Punkt bringt, und es gibt eine Gruppe von Soldaten, die den Campingplatz bewachen. Diese sind nicht für die Elefanten da. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle für Uganda, und das Land nimmt die Sicherheit seiner Besucher ernst.
Im Park gibt es mehrere Berggorillafamilien, die an Besucher gewöhnt wurden. Dieser Prozess dauert bis zu zwei Jahre, und wenn das dominante Männchen wechselt, muss der Vorgang wiederholt werden. Zu unserer kleinen Gruppe gesellen sich drei weitere Personen, die in der Nähe übernachtet haben. Mit einem Minivan begeben wir uns zum Startpunkt des Trekkings zu der uns zugewiesenen Gorillafamilie. Der Platz im Minivan reicht nicht aus, so dass sich Tammy freudig bereit erklärt, auf das Motorrad unseres Guides Brian aufzuspringen, um zum Dorf am Waldrand zu fahren. Der Silberrücken unserer Familie ist als Rwigyi bekannt, was "Tür" bedeutet, weil er seine Familie beschützt wie ein Türsteher. Niemand kommt an ihm vorbei, wenn er das nicht will. Wir beginnen unsere Wanderung vom Dorf aus, welches direkt an das Naturschutzgebiet grenzt. Wir haben einen Träger angeheuert, der Martina die Kameratasche abnimmt. Das Gelände im Dschungel kann schwierig zu begehen sein und man braucht beide Hände für die Balance und zum festhalten. Auch für die Träger ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle und es bietet der Gemeinde eine sinnvolle Beschäftigung, anstatt Fallen zu stellen oder zu wildern.






















Wir durchqueren das Ackerland und betreten den geschützten Bereich des Parks, wo wir über Stufen zu einem Gebiet mit kleinen Hütten gelangen. Das Gebiet war die Heimat des kleinwüchsigenstammes der Pigmy, die einst im Wald lebten. Sie wurden aus dem Wald vertrieben, als dieser zum geschützten Nationalpark wurde. Ein Nachbau ihres Dorfes und ihrer Baumhäuser ist so angelegt, dass sie jetzt Führungen für Besucher machen können.
Wir halten ab und zu an, während unser Guide Brian Kontakt mit den Tracker aufnimmt, die ihm mitteilen, wo wir die Gorillafamilie treffen können. Die Gorillas sind während der Futtersuche konstant in Bewegung und bahnen sich ihren Weg durch den Dschungel. Brian geht an sein Telefon. Die gute Nachricht ist, dass die Gorillas aufgespürt wurden und bald treffen wir auf die anderen Tracker. Nun müssen wir unsere Rucksäcke mit Essen und Trinken zurücklassen und Masken aufsetzen. Wir nehmen die Kameras mit und lassen die Taschen bei unserem Träger, um mit den Fährtenlesern weiter in den Wald vorzudringen, denn ab hier beginnt unsere maximale Stunde mit der Familie. Die Tracker beginnen mit Klopfgeräuschen an den Bäumen die Gorillas, die sich hoch oben in den Baumkronen befinden, herunter zu locken.

























Es ist ein atemberaubendes Erlebnis, als das grosse Silberrückenmännchen, das gerade noch Warnrufe an die Familie gegeben hat, beginnt, den Baum herunterzuklettern und sich auf uns zu bewegt. Silberrücken sind um die 200 Kilo schwer. Diese majestätischen Tiere in ihrer natürlichen Umgebung aus nächster Nähe zu beobachten ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die meisten Mitglieder der Familie bleiben in der Baumkrone und überschütten uns mit Aststücken, während sie hoch oben die Blätter fressen. Der Silberrücken studiert uns, grunzt und frisst dann die Blätter von einem nahen Busch. Ein Weibchen, das ein Baby trägt, klettert an uns vorbei und gewährt uns einen flüchtigen Blick auf ihr Kind. Das Baby ist eine Woche alt, erzählt uns Brian, während er uns herumführt, um einen besseren Blick auf die Affen zu haben, die sich auf den Waldboden gesenkt haben. Gorillas fressen bis zu zwanzig Kilo Nahrung pro Tag und bewegen sich oft auf der Suche nach Nahrung durch den Wald. Der Silberrücken gibt einen Ruf von sich und zieht weiter den steilen Berghang hinunter. Unsere Stunde in ihrer Gegenwart vergeht viel zu schnell. Gerne wären wir länger geblieben. Aber wir kehren zum Wanderweg zurück, treffen auf unseren Träger, dem Ranger und den Tracker, und lassen die Gorillas in Frieden.
Am nächsten Tag nimmt Peter uns mit auf eine Tour durch seine Kaffeeplantage. Er baut seinen Kaffee hier biologisch an und erklärt uns, wie er seinen Betrieb führt und welche Methoden er anwendet. Die Plantage liegt hoch über dem Dorf und wir gelangen über steile Naturstrassen zu ihr. Wir passieren viel Farmen, die das abschüssige Gelände mit Mais, Bohnen und Kürbissen bepflanzen.


































Peter erklärt, wie die Aufzucht von Kaffeesetzlingen funktioniert. Die Setzlinge des Kaffeestrauchs werden umgeknickt, um die Pflanze zu zwingen, zusätzliche Triebe in Richtung Sonne zu machen. In den ersten vier Jahren werden zwischen den jungen Kaffeesträuchern andere Pflanzen angebaut, wie Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und irische Kartoffeln. Ältere Pflanzen bekommen Guave und Avocado als Nachbarn. Nach 15 Jahren wird der Strauch bis auf den Stamm zurückgeschnitten, um eine neue Generation zu beginnen. Die Kaffeesträucher selbst werden nur 45 Jahre lang Kaffee produzieren. Danach wird das Kaffeefeld gerodet und 10 Jahre lang mit andere Pflanzen bewirtschaftet, bevor sie an derselben Stelle wieder Kaffee anbauen können. Avocado- und Bananenbäume spenden Schatten für die Kaffeepflanzen. Um die Farm organisch zu halten, düngen sie die Pflanzen mit kompostierten Rindermist. Das ist billiger als anderer Dünger, nachhaltiger und effektiver und hilft, den Kaffeekäfer in Schach zu halten.
Die reifen Bohnen werden abgelesen und mit einer Maschine aus den Beeren gepresst und im Anschluss von Hand gewaschen. Einige Bohnen werden aufbewahrt, mit Asche vermischt und als Setzlinge an Bauern in der Umgebung abgegeben. Die Bohnen werden im Schatten getrocknet und können mit ihrer äußeren Schale acht Jahre lang aufbewahrt werden. In der Weiterverarbeitung werden die Bohnen zerstoßen, um die äußere Schale zu entfernen. Die rohen Bohnen werden danach an grössere Röstereien ins Inn- und Ausland verkauft. Für unser Coffeetasting werden die Bohnen über einem Feuer geröstet. Je nach Röstdauer werden die Bohnen in eine helle, mittlere und dunkle Röstung aufgeteilt. Wir kaufen ein kleines Säckchen mit Bohnen und freuen uns, diesen Kaffee mit unserer Kaffeemaschine zu Hause geniessen zu können.
Wir verbringen einige Nächte auf einem Campingplatz in der Nähe von Jinja am Nilufer. Wir nutzen die Gelegenheit, in ein grosses Glampingzelt zu upgrade. Zum Glück, denn die Nächte werden von heftigen Niederschlägen begleitet.
Während ich am nächsten Morgen nervös zu einem Rafting-Ausflug zu den Stromschnellen des Nils aufbreche, macht Martina einen weiteren Dorfspaziergang. Sie plaudert mit den Einheimischen, die ihr erzählen, dass die Mzungu's (Touristen oder ursprünglich weisse Entdecker) eine weiche, gummige Haut haben, die mit Mzungu-Creme (Sunblocker) geschützt werden muss, und dass sie alle weiche Füße haben und nicht ohne Schuhe laufen können.






























In unserer Tourgruppe hat es viel medizinisches Personal über Pflegepersonen, Notfallsanitäter*innen bis zu Intensive Care und Martina fragt den Guide Patrick, ob sie sehen können, wie die medizinische Versorgung vor Ort gewährleistet wird. Sie können nicht das örtliche Krankenhaus aber dafür ein lokales medizinisches Zentrum besuchen. Es ist klein, drei kahle Räume ohne jegliche Einrichtung, ein Nagel an der Wand reicht aus, um eine Infusion aufzuhängen. Die drei Ärzte und fünf Krankenschwestern behandeln hier rund 150 Patienten pro Tag, oft wegen Malaria oder HIV, aber auch Geburten und andere ambulante Behandlungen. Obwohl in der Klinik viel los ist, nimmt sich der Arzt Zeit für ein Gespräch mit der Gruppe, und sie können ihre Fragen dazu stellen. Es gibt keine Krankenwagen, schwere Verletzungen oder Fälle werden an das Krankenhaus überwiesen, manche Fälle sind hier nicht überlebensfähig, was zu Hause Routine wäre. Martina ist dankbar für diese Erfahrung, die ihr wieder einmal mehr bewusst gemacht hat, was bei uns oft als selbstverständlich angesehen wird.
Vom Rafting gibt es keine Fotos, der Nil hätte sicher mein Handy gefordert, als ich vom Floß geschleudert wurde und es umkippte. Ich verpasste die Mzungu-Creme in meinen Shorts am Land und kam durchnässt, mit blauen Flecken und einem verbrannten, roten Bauarbeiterarsch zurück.





















Am linken Ufer der Nordspitze des Viktoriasees steht ein Denkmal für den britischen Entdecker John Hanning Speke, der behauptete, dass dieser Punkt die Quelle des Nils sei. Der Wasserfall, der die Mündung des größten Sees Afrikas in den längsten Fluss der Welt markierte, wird heute von einem Wasserkraftwerk weiter flussabwärts überflutet. Über den ehemaligen Wasserfall entstehen an der Oberfläche grosse Stromschnellen. Mitten auf dem Fluss steht eine klapprige Hütte mit einem Souvenirladen. Die Hütte ist verlassen, verschlossen und teilweise überflutet. Der Besitzer hat sein ganzes Hab und Gut zurück gelassen und ist auf festeren Boden aufs Land umgezogen.
Auf einem Busch ist ein großer Waran zu sehen und Eisvögel stürzen sich ins Wasser, um zu jagen. Als die Sonne untergeht, fahren wir zurück zum Ufer.
Unser nächster Halt führt uns zurück über die Grenze nach Kenia, durch eine Teeplantage im Hochland, bevor wir in der Massai Mara auf Safari gehen.
Geschichte von Leon Carroll, Fotos und Übersetzung von Martina Carroll